Strafe Gottes?

Die Österreichische Zeitung Die Presse titelt „Bolivien: Wo Behinderung als ‘Strafe Gottes’ gilt“. Dass damit nicht der Gott der Bibel gemeint sein kann, kommt in dem Artikel nur zwischen den Zeilen heraus, wenn die örtliche Wahrnehmung von Behinderung als „Verwünschung“ oder „religiöse Strafe“ mit tradierten Bräuchen und dem Wirken von Schamanen in Verbindung gebracht wird. Beides sind Relikte aus präkolumbianischer Zeit, die mit dem Christentum nichts zu tun haben.

Diese Tatsache wiederum hindert den Durchschnittsrezipienten nicht, dieses Christentum im Kommentarbereich für die Missstände bei den Guaraní zur Verantwortung zu ziehen. Christlich motiviert ist dabei nicht die Vernachlässigung, sondern die im Artikel vorgestellte karitative Organisation Licht für die Welt als Zweig der global tätigen Christoffel-Blindenmission, die in Bolivien behinderten Menschen hilft, weil sie sich „den Werten der christlichen Nächstenliebe, Solidarität und den Menschenrechten verpflichtet“ fühlt. Das Christentum ist also Teil der Lösung, nicht Teil des Problems.

Aber, zugegeben: Da kann man schon mal durcheinanderkommen, was die Rolle des Christentums angeht. Zumal, wenn der Artikel mit einer Überschrift versehen ist, die auf „Bolivien“ rekurriert und allgemein von „Strafe Gottes“ spricht. Bolivien – das weiß man – hat einen Katholikenanteil von 80 Prozent. Also ist hier wohl der Gott der Katholiken gemeint bzw. der Gottglaube der Katholischen Kirche. Die ist also Schuld. Wie gehabt. „Genau deshalb bin ich auch aus der Kirche ausgetreten“. Dass man eigentlich die Guaraní meint (Bevölkerungsanteil in Bolivien: 1,2 Prozent), die über ihre Schamenen einen Naturgott addressieren, muss man ja nicht gleich verraten. So – und nicht anders – wird Stimmung gemacht. Schließlich ist es für den guten Zweck: „Seine [Gottes, J.B.] Jünger richten auf der Erde genug Unheil an“.

Mitglieder der aussterbenden Spezies etwas informierterer Rezipienten werden hingegen festgestellt haben, dass der christliche Gott hier gar nicht gemeint sein kann. Christus selbst definiert die Bedeutung von Behinderung neu. Als Jesus mit Seinen Jüngern einen „von Geburt an Blinden“ trifft, wollen diese vom Herrn nur eines wissen: „Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst? Oder haben seine Eltern gesündigt, so daß er blind geboren wurde?“ (Johannes 9, 2). Leid ist also in den Augen der Jünger stets etwas „Gerechtes“, etwas, das der Leidende „verdient“ hat. Auch die Pharisäer bezeichnen den Blindgeborenen im Sinne dieses festen Schuld-Strafe-Konnex als „ganz und gar in Sünden geboren“ (Johannes 9, 34).

Jesus räumt mit dieser Einschätzung auf. Den Jüngern, die ihn nicht etwa nach der Ursache der Blindheit fragten, sondern die nur wissen wollten, wer genau die strafauslösende Sünde begangen hatte, entgegnet er: „Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden“ (Johannes 9, 3). Jesus heilt den Blinden – ein Skandal, der eine intensive Befragung des Geheilten nach sich zieht, zumal die Heilung am Sabbat geschah – und schafft damit zugleich ganz neue Verhältnisse, in denen „die Blinden sehend und die Sehenden blind werden“ (Johannes 9, 39).

Jesus stellt schließlich die jüdische Ordnung vollends auf den Kopf, indem er am Beispiel der Pharisäer die Tun-Ergehens-Logik umkehrt: „Wenn ihr blind wärt, hättet ihr keine Sünde. Jetzt aber sagt ihr: Wir sehen. Darum bleibt eure Sünde.“ (Johannes 9, 41) Nicht der – im übertragenen Sinne – „Blinde“ ist der Sünder, sondern der, der zu sehen vorgibt, der so tut, als ob.

Leid bekommt damit eine grundsätzlich andere Deutung, weg von der Strafe hin zur Bewährungschance. Das zeigt sich nicht nur hier: Nachdem Menschen von Jesus unter Aktivierung der eigenen Heilungskräfte im Glauben („Dein Glaube hat dir geholfen.“) von körperlichen oder seelischen Leiden befreit wurden, erfolgt gewöhnlich die Aufforderung an die geheilte Person, künftig im Gedenken an die Heilstat nicht mehr zu sündigen. Mit Leid umgehen zu lernen oder es gar zu überwinden, indem man es im Glauben von Jesus heilen lässt, kann somit als Schritt in neues, besseres Leben gelten – auch im moralischen Sinne.

Insoweit sind wir alle gefordert, Menschen mit Behinderung zu achten und wertzuschätzen – so, wie Menschen ohne Behinderung. Vielleicht tun wir das ja auch einmal ganz konkret mit einer Spende zugunsten von Licht für die Welt. Diese Einrichtung gehört zwar im weitesten Sinne zur Mission (Igitt, igitt!), doch bringt sie den behinderten Menschen in der indigenen Bevölkerung Boliviens das, was ihnen dort vorenthalten wird: Hygiene, Pflege, Liebe und Zuneigung.

Erschienen auf Jobo72


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